In der Schülerinnenumfrage aus dem Jahr 2010, an der 153 Schülerinnen teilnahmen, wurde mit dem Ziel der Verbesserung von Präventionsangeboten ein Fragebogen zu Indikatoren für das Viktimisierungsrisiko von Schülerinnen der Sekundarstufe bei sexualisierter Gewalt entwickelt. Denn um adäquate Angebote entwickeln zu können, ist es erforderlich zu wissen, warum manche Mädchen und Frauen zu Opfern werden und andere nicht. Dafür wurden im eingesetzten Fragebogen die Persönlichkeitsmerkmale Optimismus, Vorsichtigkeit, Selbstwirksamkeitserwartung, Konformität und Selbstwertgefühl mit jeweils sechs Items erhoben.

Grundlage/ Ausgangspunkt: Bisherige Untersuchungen zu den Viktimisierungsrisiken bei sexualisierter Gewalt beschränken sich auf demographische und biografische Faktoren, die nur wenige Ansatzpunkte für Präventivmaßnahmen geben. Deshalb wird in dieser Untersuchung der Fokus vor allem auf Persönlichkeitsmerkmale und Charakteristika der potenziellen Opfer gelegt. Der Fragebogen umfasste also die Konstrukte Optimismus, Vorsichtigkeit, Selbstwirksamkeitserwartung, Konformität und Selbstwertgefühl.

Optimismus: Hierbei wird vermutet, dass ein hoher Optimismus zu verminderter Achtsamkeit und Vorsichtigkeit führt und das Viktimisierungsrisiko erhöht. Gleichzeitig kann damit aber auch eine erhöhte Selbstwirksamkeitserwartung und größere Bereitschaft zur Gegenwehr einhergehen.
Vorsichtigkeit: Durch Aufmerksamkeit gegenüber Risiken werden gefährliche Situationen möglicherweise vermieden und die Exponiertheit des Mädchens nimmt ab.
Selbstwirksamkeitserwartungen: Diese Eigenschaft steht mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem positiven Zusammenhang mit der Mobilisierung von Ressourcen, die nur dann stattfindet, wenn sie auch als gewinnbringend erachtet wird. Somit sollten die Selbstwirksamkeitserwartungen eines Mädchens auch sein Verhalten im Vorfeld und während eines Übergriffs beeinflussen.
Konformität: Eine Frau mit geringerer Konformität sollte eher unerwartetes Verhalten zeigen, was den Täter überraschen und die Aufmerksamkeit Dritter wecken kann. Auch Gegenwehr zählt zu den unkonventionellen Verhaltensweisen, die bei geringer Konformität mit höherer Wahrscheinlichkeit auftreten sollte.
Selbstwertgefühl: Ein geringer Selbstwert wird als Risikofaktor für Opferwerdung angenommen, u.a. da Mädchen mit geringem Selbstwert unsicher wirken und der Täter keine Gegenwehr erwartet.

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Ergebnisse:
Die Faktorenanalyse ergab, dass insbesondere die Konstrukte Optimismus, Selbstwirksamkeitserwartung und Selbstwertgefühl sehr eng miteinander zusammenhängen. Mithilfe einer Clusteranalyse konnten in der vorliegenden Stichprobe (N=153) vier deutlich voneinander abgrenzbare Cluster identifiziert werden, wobei der Typus die Selbstsicheren als wenig und der Typus die Unsicheren als besonders gefährdet eingestuft wurden. Nur etwa ein Viertel aller befragten Mädchen konnte dabei dem Typus der Selbstsicheren zugeordnet werden, woraus umgekehrt der Schluss gezogen werden muss, dass drei Viertel der Mädchen gefährdet sind, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden und somit auch Bedarf an Präventionsangeboten haben.

Implikationen: Erster Faktor, der das Viktimisierungsrisiko für Mädchen bestimmt, ist die Häufigkeit, mit der sie sich in risikoreichen Situationen befinden. Diese Exponiertheit kann durch voraussehendes Verhalten verantwortungsvolles Handeln teilweise reduziert werden. So können sich die Mädchen so schon im Vorfeld selbst schützen. Mädchen sollten also durch Aufklärung dazu geführt werden, besser auf sich selbst zu achten. Bei Mädchen, die Tätern wegen ihres unsicheren Auftretens als Opfer geeignet erscheinen (Typus die Unsicheren), sollte zudem das Selbstwertgefühl gestärkt werden. Um ihr unsicheres Auftreten aktiv ablegen zu können, sollten sie außerdem sie an ihrem Körpergefühl arbeiten. Zur Förderung von Gegenwehr ist es zunächst wichtig, darüber aufzuklären, wie häufig diese zum Tatabbruch führt um den Mädchen zu vermitteln, dass sie durchaus in der Lage sind, ihre Bedürfnisse auch gegenüber dem körperlich überlegenen Täter durchzusetzen. Zusätzlich zur Wehrhaftigkeit in der konkreten Situation kann durch das Erlernen effektiver Gegenwehr auch eine Rückwirkung auf die Selbstwirksamkeitserwartungen und das Selbstwertgefühl der Mädchen erreicht werden, wodurch sich wiederum ihr Auftreten verändert.
Präventionsangebote sollten immer die Gefährdungsbereiche aller Typen umfassen. Optimal wäre dabei eine Einteilung in verschiede Gruppen mit ähnlichen Merkmalen, die dann ganz spezifisch gefördert werden können. Für die Umsetzung in der Praxis scheint dieses Vorgehen jedoch wenig realistisch. Um den Bedürfnissen der aus verschiedenen Gründen gefährdeten Mädchen gerecht zu werden, sollten Präventionsangebote gegen sexualisierte Gewalt die Komponenten „Aufklärung“, „Stärkung des Selbstwertgefühls“, „Körpergefühl“ und „Selbstverteidigungstechniken“ mit ähnlicher Gewichtung beinhalten.