Gewaltprävention und Körperpräsenz

Gewaltprävention ist nur die „Spitze des Eisberges“ einer auf den Leib bezogenen Bildung, die insbesondere unsere Emotionalität betrifft und durch praktischen Sportunterricht einerseits und theoretisch geprägten Ethikunterricht andererseits keinesfalls abzudecken ist. Die Zentralbegriffe, die Peter Kalinowski in diesem Zusammenhang geprägt hat, sind leibhafte Vernunft und Inkorporierte Moralität. Die wesentlichen Anliegen des Ethikunterrichts müssen letztendlich über die leibliche Ebene angesprochen werden, weil genau hier das auszumachen ist, was im Wortsinne unter „praktischer Philosophie“ zu fassen ist.

Das wird beim Phänomen Zivilcourage besonders deutlich: zwar sieht man mit einer gewissen „moralischen Bildung“ durchaus ein, dass es notwendig wäre, anderen in bestimmten Gefahrensituationen zu helfen, aber der Körper versagt eben oftmals, wenn konkrete Situationen eintreffen. Vielfach ist unser Versagen auch schon bei nicht direkt körperlich ausgetragenen Konflikten eben auch auf emotionale Faktoren zurückzuführen, was nichts anderes bedeutet, als dass uns unser Körper mit unserem besten Absichten im Stich lässt, weil wir ihn eben zuvor auch nicht in diese Prozesse einbezogen haben. Einsicht allein genügt also bei weitem nicht – es ist eine uns durchstimmende Präsenz notwendig, die Moralität von der ethischen Kategorie zur realitätsverändernden Handlung werden lässt - genau hier ist anzusetzen. Es geht also um eine strukturelle Innovation unseres Bildungssystems im Hinblick auf die Anerkennung eines bislang eher stiefmütterlich behandelten Bereichs, der eben kein Randphänomen ist, sondern das Zentrum des Menschlichen ausmacht. Unser Körper (als LEIB) ist wesentlich an Prozessen beteiligt, die wir früher als Kernbereich rein kognitiver oder mentaler Fähigkeiten betrachtet und als quasi dem Körper gegenüberstehend angesehen haben.


Körperpräsenz – Leibhafte Vernunft als inkorporierte Moralität


Mit dem zwischen Theorie und Praxis oszillierenden Ansatz des Körperpräsenz-Konzepts gehen wir hinter das in Alltag und Sport vorherrschende technisch-instrumentelle Verständnis unserer menschlichen Körperbewegung zurück, um über die Freilegung einer nicht-instrumentellen Intentionalstruktur den inneren Charakter authentischen Bewegens und Handelns aufzuweisen, der eben jede konkrete Ausprägung moralischer Handlung durchwirkt. Dieser Denkansatz kulminiert im Gedanken des Menschenmöglichen als Gegenmodell zur Allianz von homo faber und homo consumare, indem wir über eine Grammatik unserer Körperbewegung die Strukturen einer Dialektik der Körperenergie freizulegen suchen.

Eine enge Verknüpfung von Anliegen des Ethik- und Sozialkundeunterrichts mit dem Schulsport wird dabei als unerlässlich angesehen, um intellektuelle Einsicht körperlich erfahrbar zu machen. Damit wird das, was im Zusammenhang mit dem Körperpräsenz-Konzept leibhafte Vernunft heißt zum wesentlichen Ansatzpunkt für eine Besinnung auf einen um Leib und Emotionalität erweiterten Bildungsbegriff in unserer Gesellschaft. Auf dieser Basis wird mitmenschliche Solidarität durch Rückbindung an die eigene Leiblichkeit tief verwurzelt und so auf einer grundsätzlichen Ebene gestärkt – das meint Inkorporierte Moralität.

Um dieses Thema in seiner Vielschichtigkeit auch theoretisch angemessen zu beleuchten, ist der Bogen der einzubeziehenden Disziplinen weit zu spannen: Ausgehend vom Leib-Seele-Problem als klassischem Thema der Philosophie über die Anthropologie(n) und Zugangsweisen der Psychologie und Bewegungswissenschaft bis hin zu den dem naturwissenschaftlichem Paradigma verpflichteten Neurowissenschaften. Schließlich ist in der Zusammenschau dieser verschiedenen Ansätze verbunden mit der praktischen Vergewisserung eine Synthese zu leisten, die uns erfahrend verstehen lässt, was Präsenz als leibhafte Vernunft und inkorporierte Moralität bedeutet.