Standards und Perspektiven des Mutige-Mädchen-Programms zur Prävention sexualisierter Gewalt

1. Die Kursleitung liegt grundsätzlich und ausschließlich in weiblicher Hand. Das ist leider bei einem Großteil der Kursangebote, insbesondere jenen, die ausgehend von der Vermittlung von Kampfsport- Kompetenzen erfolgen, immer noch keine Selbstverständlichkeit.

2. Die Mitwirkung von männlichen Trainern und die Hinzuziehung von männlichen Personen als realistische Angreifer kann nur unter strenger Berücksichtigung der Durchführungsrichtlinien für Maßnahmen zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen erfolgen, das den Mutige- Mädchen-Kursen zugrunde liegt. Insbesondere sei in einem solchen Fall auf die Notwendigkeit des Beiseins der weiblichen Kursleiterin bzw. einer qualifizierten weiblichen Kursbetreuerin darauf hingewiesen (uneingeschränkt kann hingegen die Multiplikatorinnen-Schulung geschlechtsunabhängig auf akademisches Personal zurückgreifen).

3. Die Kurse werden grundsätzlich monoedukativ durchgeführt, um potentielle weibliche Opfer in diesen sensiblen Lehr-Lern-Umfeld nicht dem Beisein von potentiellen Tätern männlichen Geschlechts auszusetzen (im Gegensatz zu den Opfern sexualisierter Gewalt, die zu etwa 85% weiblichen Geschlechts sind, sind die Täter zu etwa 99% männlichen Geschlechts). Im Falle der „Mutigen Mädchen“ können also selbstverständlich – wie schon der Name des Programms ausdrückt – nur weibliche Teilnehmerinnen zugelassen werden. Gut gemeinte Versuche auch hier koedukativ zu verfahren, um im Gegenzug bei den Jungs höhere Empathiewerte zu erreichen, sind in diesem sensiblen Feld unbedingt zu vermeiden.

4. Das Programm ist für Schulen konzipiert, insbesondere, weil hier durch die Schulpflicht alle Schülerinnen erreicht werden können und nicht nur solche, die selbst bzw. deren Familien ohnehin schon für das Thema sensibilisiert sind oder die Zugang zu Vereinen oder Einrichtungen haben, in denen das Thema sexualisierte Gewalt und deren Prävention angegangen wird (Umsetzung des Punktes Breitenwirkung der difg-Standards für Präventionsprogramme).

5. Jedes Mädchen soll die Möglichkeit zur Teilnahme an den von uns betreuten Schulen eröffnet werden. Dazu haben wir eine Sozialklausel eingeführt, nach der die Kursgebühr für Mädchen, deren Eltern nicht in der Lage oder bereit sind, den Unkostenbeitrag von derzeit 30€ pro Schülerin zu tragen, von einem Fond übernommen wird (Umsetzung des Punktes Zugänglichkeit der difGStandards für Präventionsprogramme).

6. a) Kurse sollen also vor allem an Schulen und hier grundsätzlich im Klassenverband (alle Schülerinnen einer Klasse) angeboten und durchgeführt werden, damit die Schwelle zur Teilnahme für die Mädchen niedrig gehalten wird und auch solche Mädchen teilnehmen, die ansonsten eher zurückhaltend agieren bzw. wenig Eigeninitiative zeigen und daher tendenziell zu jener Gruppe gehören, deren Gefährdung einer Viktimisierung für sexualisierte Gewalt besonders hoch ist. b) Bei den Abschlussworkshops, die in der Regel mit einer großen Zahl an Mädchen von mehreren Schulen durchgeführt werden, ist der Zusammenhang des Klassenverbandes dann aber wieder weitestgehend aufzulösen, damit der Schritt von der Vertrautheit der Übungspartnerinnen hin zu einer größeren Realitätsnähe in einem Kontext von Fremdheit erfolgen kann (hier werden z.B. auch Masken eingesetzt, um den einen Teil der Mädchen als Angreiferinnen zu „Entpersonalisieren“).

7. Auch soll durch die Punkte 4. bis 6a) vermieden werden, dass z.B. gerade Opfer häuslicher Gewalt von der Teilnahme abgehalten werden, weil sie das Anliegen selbst vorab im häuslichen Kontext vorbringen und vertreten müssen bzw. um die Übernahme der Kursgebühr bitten müssen.

8. Von den Punkten 4. Bis 7. ausgehend ist eine Implementierung der Inhalte des Mutige-Mädchen- Programms zur Prävention sexualisierter Gewalt in bestimmten Klassenstufen unserer Schulen, bei denen die Wirksamkeit der Maßnahme besonders hoch einzustufen ist, angestrebt, damit solch wichtige Inhalte der „leiblich-emotionalen Bildung“ als Teil des Bildungskanons nicht immer wieder von neuem an jeder einzelnen Schule vermittelt und durchgesetzt werden müssen und damit grundsätzlich keine zusätzlichen Kosten mehr für die Mädchen anfallen, wenn sie an einem solchen Programm teilnehmen (Umsetzung des Punktes „Implementierung“ der difg-Standards für Präventionsprogramme).

9. Die psychologische und sozialwissenschaftliche bzw. sozialpädagogische Expertise verfügt grundsätzlich über die Leitfunktion bei der Umsetzung des Programms. Kompetenzen, die insbesondere für Vermittlung von Verteidigungstechniken aus der Kampfkunst bzw. dem Kampfsport hinzugezogen werden, stehen unter Aufsicht des akademisch in den genannten Bereichen qualifizierten Personals.

10. Das Mutige-Mädchen-Programm ist keinesfalls dafür konzipiert sich als Kursangebot auf dem Markt der zuzahlungspflichtigen, fakultativen Nachmittagsangebote an Schulen zu etablieren. Vielmehr ist es das Bestreben der InitiatorInnen des Programms in Gestalt der beteiligten Behörden und Bildungseinrichtungen Mitstreiter zu gewinnen, die eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung der Implementierung spielen, indem sie z.B. die Maßnahmen zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Mädchen modellhaft innerhalb ihres Wirkungskreises zur kontinuierlichen Einrichtung werden lassen und so u.a. auch die Basis für eine umfassende Evaluation des Programms über längere Zeiträume ermöglichen.



Lynn und Peter Kalinowski

Lynn Kalinowski (Psychologin und Projektkoordinatorin im Interdisziplinären Institut für Gewaltprävention)
Dr. Peter Kalinowski (Sozialphilosoph und Präsident des Deutschen Instituts für Gewaltprävention)