Vom Projekt zum Institut für Gewaltprävention


Gewalt und Gewaltprävention – ein immer brisanter werdendes Problem verlangt nach Aufarbeitung und Lösungsmöglichkeiten. Doch wo ansetzen? Gewalt hat viele Gesichter. Zahlreiche Frauen-, Jugend- und Sportverbände suchen mit den unterschiedlichsten Ansätzen nach Methoden gegen Gewalt unter Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und sexuelle Übergriffe gegen Frauen und Mädchen. Stiftungen fördern den Einzug von Gewaltpräventionsprogrammen in Schulen und Kindergärten. Von Klein auf sollen Jungen und Mädchen für das Gewaltproblem sensibilisiert werden. Doch bisher geschieht dies zumeist nur punktuell, was der gesellschaftlichen Tragweite und der Komplexität des Gewaltbegriffes keinesfalls gerecht wird. Prävention braucht eine Basis. Mit dem Interdisziplinären Institut für Gewaltprävention (IIfG) will Peter Kalinowski, Sozialphilosoph und Begründer des Körperpräsenz-Konzepts ausgehend von Projekten an der Universität Freiburg diese Basis schaffen. Im Juli 2008 fand die konstituierende Sitzung des IIfG im Institut für Soziologie statt. Und Kalinowski ist auf dem Gebiet der Gewaltprävention kein Neuling: Seit über 20 Jahren mit diesem Thema befasst, entwickelte er Anfang der 90er-Jahre das Körperpräsenz-Konzept, das heute die Grundlage der Gewaltpräventionsprojekte des IIfG darstellt. Nicht zuletzt im Pilotprojekt “Mutige Mädchen“ zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung, das in Zusammenarbeit mit der Künstlerin und Karateexpertin Judith Stern umgesetzt wurde, konnte die Praxistauglichkeit dieses Konzepts für Maßnahmen der Gewaltprävention erwiesen werden.

“Mutige Mädchen“ wurde bereits an mehreren Freiburger Schulen durchgeführt und findet momentan wöchentlich an der Staudinger Gesamtschule und am Goethe-Gymnasium statt, inzwischen unter der Leitung von Lynn Kalinowski. „Doch dürfen wir uns selbstverständlich nicht auf ein Praxisfeld beschränken, wollen wir Gewaltprävention umfassend vermitteln“, betont Peter Kalinowski. Im neu gegründeten Institut sollen alle Bereiche der Gewaltprävention erforscht und bearbeitet werden. Nicht nur potentielle Opfer, sondern auch potentielle Täter und potentielle Helfer sollen für brenzlige Situationen sensibilisiert und ihnen wirksame Handlungsoptionen vermittelt werden. Obwohl es – besonders als Frau – wichtig sei, sich wehren zu können, um nicht zum Opfer zu werden und dass Menschen lernten, sich in den anderen hineinzufühlen, um nicht selbst zum Gewalttäter zu werden, sei es vor allem die Ebene der Zivilcourage, auf der viel passieren müsse, so Kalinowski: „Ein aus der Mitmenschlichkeit aufsteigendes tiefes Gefühl, helfen oder eingreifen zu müssen, ist zu stärken und zugleich sind Hemmnisse zu überwinden, die vielfach aus stillschweigend gebilligten Konventionen entstehen, die sich in solchen Situationen jedoch gnadenlos gegen uns wenden“. In enger Kooperation mit dem Institut für Soziologie sollen nun die Konzepte und Programme weiterentwickelt, aber vor allem durch die tatkräftige Unterstützung von vielen Studierenden und SchülerInnen in der Breite der Bevölkerung umgesetzt werden. Mithilfe des neuen Institutes sind nun die Voraussetzungen geschaffen, größer angelegte Projekte in Angriff zu nehmen: Kurzfristig steht die Etablierung des Mutige-Mädchen-Konzepts an den Freiburger Schulen und die Entwicklung des Konzeptes “Stark gegen Gewalt“ auf dem Programm. Eine Reihe von Einrichtungen hat bereits Interesse bekundet, künftig mit diesen Konzepten arbeiten zu wollen. Langfristiges Ziel ist jedoch die Integration von neuen Modulen einer grundlegenden “leiblich-emotionalen Bildung“ in die Lehrpläne der Schulen, die erst eine fundierte Gewaltprävention ermögliche.

Unterstützt wird Kalinowski bei diesem Vorhaben von vielen Seiten. So wird sein Engagement besonders von einer Reihe von FachvertreterInnen der Freiburger Universität begrüßt und unterstützt. Dass Gewaltprävention an Schulen gerade aus sozialwissenschaftlicher Sicht von größter Bedeutung sei und das IIfG hier wegweisende Pionierarbeit leistet, schrieb Nina Degele als für Gender Studies an der Universität Freiburg verantwortliche Professorin an Bundesbildungsministerin Annette Schavan und empfahl das neue gegründete Institut als „erste Adresse, wenn es um den Transfer von Theorie in Praxis bei Fragestellungen der Gewaltprävention geht“. Der Direktor des Instituts für Soziologie, Hermann Schwengel, betonte in seiner Ansprache anlässlich des Empfangs im Anschluss an die konstituierende Versammlung des IIfG die Notwendigkeit, dem Körper in sozialen Zusammenhängen endlich seine adäquate Bedeutung zuzumessen und sieht in den von Peter Kalinowski für das IIfG entwickelten Konzepten zur leiblich-emotionalen Bildung und zur Stärkung der Zivilcourage genau dies verwirklicht, als „eine neue Sozialphilosophie des Körpers, die eine menschlichere Praxis des interpersonalen Miteinanders nach sich zieht“. Die Gewaltpräventions-Projekte des Ehepaars Kalinowski wurden übrigens bereits vielfach ausgezeichnet – zuletzt wurde das Projekt “Mutige Mädchen“ vor wenigen Wochen für “Innovative und integrative Projekte mit Modellcharakter“ im Rahmen der “Kooperation Schule – Verein“ vom Badischen Sportbund mit einem Preis gewürdigt.



01.09.2008, Jana Kapitz, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit des IIfG